essig schnitt

klack klack klack. ich sehe schuhe strümpfe beine hosen röcke nackte haut. es rennt in mir. ich setze schritt an schritt. die grünen kacheln werfen das einfallende licht in den schacht. von oben flutende helle. strobo. beat beat beat. der rhythmus schranzt mich an.

ich richte mich immer mehr nach dem takt aus. schritt schritt schritt klack klack klack. eingeweide vibrieren. scharfe kurve, fast zusammenstoß. lächeln, ausweichen, weiter. weiter weiter weiter klack klack klack. die letzte treppe. nackte haut. stoß taumel weiter. weiter klack klack. dann rein. tür zu. und es geht los. eine frau reibt ihr zart behaartes bein an der hose ihres begleiters: vertrautheit 21. jahrhundert. klack klack klack — ausstieg links.

die sterne stehen über der stadt. es ist ruhig. ein mercedes diesel taktet dumpf an mir vorbei.  im schaufenster steht ein mensch. ich sehe weg. peinlich berührt. aus dem keller des schwimmbades pulst primitiver beat. das wird ein guter abend.

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cirrus

 

was flattert nicht alles durch unser leben.

in der ringbahn sitzt mir eine junge frau gegenüber. sie trägt ein weißes kleid, einen weißen rucksack, weiße schuhe. in ihren weißen kopfhörern stelle ich mir spacige musik vor. sie schließt die augen, wiegt den kopf. ihre locken fallen auf die schultern, tanzen hin und her.

wenn sie aufblickt, wirken ihre augen wässrig. traurig. aber auch eins mit der welt. ihre backen sind voll. rund. rot. sie lächelt ins leere.

die tür öffnet, ein luftzug. es zieht sie hinaus. am himmel steht eine cirruswolke.

The Secret Heart

 

Die Tür stand offen. Ich rannte die Metalltreppe nach oben, zwängte mich durch den halbangelehnten Türflügel und stand in einer anderen Welt.

Es dauert eine Weile, bis sich meine Augen an das Schwarz gewöhnen, das mich umfängt. In der Mitte des Gaskessels schwebt ein riesiges rotes Herz. Es liegt ohne sichtbaren Halt in der Mitte des raumgreifenden Zylinders. Die Arterien stehen in alle Richtungen. Alle Aufmerksamkeit geht vom Kunstwerk aus. Rings um das große Modell führt ein Eisensteg.

Ich sah mich um, zum bohrend hellen Lichtstrahl, den die Tür dem harten Sonnenlicht ließ. Es schien niemand gefolgt zu sein. Langsam tasteten sich meine Füße den Eisensteg entlang.

Je weiter ich mich vom Eingang entferne, desto mehr fängt mich die Aura der Kunst ein. Stimmen flüstern Zahlen. „Eins“, „zwei“, „drei“, „vier“, … Bis sechzig zählen die Flüsternden im Wechsel. Ich alleine vor dem Werk. Was soll ich denken? Soll ich denken? Ich fühle mein Einverständnis. Flüstern beruhigt. Dunkelheit fasst mich von allen Seiten. Ich werde beobachtet. Die Augen des Herzens mustern mich. Nicht aufdringlich, zurückhaltend, süß. Mein Kopf ist auf Watte gebettet. Ich fliege dem Herzen entgegen. Es nimmt mich auf. Ein Weg führt mich zum Boden des Kessels. Nähe verschwimmt mit Unerreichbarsein. „Siebenundfünfzig, achtundfünfzig, neunundfünfzig, sechzig“, flüstern die Stimmen. Es ist so anders, so gut. Der Organismus pulsiert. Es geht endlos so weiter, die Zahlen beginnen wieder von vorne. Ich verliere mich.

Dann zog es mich wieder ins Licht. Riss die Tür auf, stand in der hellen Mittagssonne. Der Kies knirschte unter meinen Füßen, ich ging langsam im Sonnenlicht zum Tor im Zaun. Ich leistete keinen Widerstand. Ich hatte alles gesehen. Es hatte mich gesehen.

The Secret Heart

The Secret Heart

 

residenzstraße, stilgefühl

er wirkt hell und freundlich. obwohl zehn meter unter der oberfläche der stadt und von kunstlicht erleuchtet, scheint das satte gelb der kleinen rosettenartige blüten warm in den kalt durchhauchten u-bahnhof.

es ist ruhig. es ist sonntag, morgen. hinter mir auf der bank liegt ein weggetretener junger mann. die karyatiden wecken ein jugendstilgefühl. in meinem rücken eine stimme: „du bist doch der, der immer unseren briefkasten ausräumt.“ durchdringende blicke bohren sich in mich, ich drehe mich um, flackern in den augen. gleich wieder ruhig.

ich bin müde und habe noch eine weite busfahrt vor mir.

U-Bahnhof Residenzstraße

u-bahnhof residenzstraße

und dann geht es los. bahn fährt ein, türen öffnen, warnsignal (mittlerweile ikonisch), türen schließen. schienen quietschen, weichen antworten, achsen ächzen. ich stelle mir die schienenwelt wie einen weiten raum vor, voller wege, mit schnittstellen, abbiegemöglichkeiten. wege im großen dunkel. elegantes gleiten auf geheimen pfaden.

franz-neumann-platz, osloer straße, pankstraße, gesundbrunnen, umsteigen. in der s-bahn der nächste irre. spult einen englischen text ab, in dem er deutsche als faschisten beschimpft. ich kann diesen stereotypen scheiß nicht mehr hören. hört man dem gebrabbel weiter zu, geht es in wahrheit darum, dass er von seinem arbeitgeber zu wenig geld bekommen hat. zumindest meint er das. und dafür setzt er seine kollektivverdammung in die welt?