Bienenmann im Puttensaal

bienenmann

Es ist dunkel. Wir sind mitten in Wedding. Im Puttensaal der Bibliothek am Luisenbad. Ein Mann sitzt an einem Tisch. Vor ihm liegt ein Buch. Eine Schreibtischlampe gießt ihr gleißendes Licht auf die Seiten. Gerade eben noch hatte die Saalbeleuchtung die lustigen Engelchen und das verspielte Deckenfresko angestrahlt. Doch nun ist es Nacht in dem herrlichen Saal. Der Autor beginnt zu lesen. Langsam gewöhnen sich die Augen an die Finsternis. So finster wie die Welt, in die uns der Text bringt.

Brutaler Einbruch in die Idylle

Blitzschnell sind wir Zuhörer angekommen. Elias Mattay führt uns in der Anfangssequenz seines ersten Thrillers “Der Bienenmann” an einen idyllischen See bei Potsdam und zugleich an die Abgründe des Menschlichen. Noble Villengegend im November. Ein Kind legt ein Puzzle. Aus dem nebligen Garten kommt der Bienenmann, ein als Imker verkleideter Mörder und Kindesentführer, und bricht in diese Idylle ein. Er schlägt brutal zu. Damit beginnt sich das hochspannende Kaleidoskop des Autors zu drehen. Beeindruckend, über wie viele Register Elias Mattay verfügt. Ob seine messerscharf gezeichneten Porträts, die knappen, packenden Spannungssequenzen, die mit glaubhafter Psychologie extreme Brutalität in der Wahrnehmung eines Kindes darstellen, oder andererseits die satirischen Einlagen wie die Zurechtweisung der italienischen Techno-Kids in der illegalen Ferienwohnung des Schöneberger Nachbarn von Kommissar Roman Baer, eines “Wasserbauingenieurs, der sich in Indien aufhielt oder in Afrika oder Aserbaidschan oder Timbuktu.”

Mit seinem Protagonisten Baer schafft Mattay einen stimmigen Charakter, der nicht nur an seinen dienstlichen Bezügen leidet, sondern auch als Ehemann seine Sorgen und Nöte hat. Sehr einfühlsam und umsichtig kümmert er sich um seine an den Folgen eines Schlaganfalls leidende Frau Corinna, für die er sich in der Vergangenheit sogar ein Jahr Auszeit genommen hat. Kurzum, ein sympathischer, bedächtiger, brummiger Berliner “Bär”, dieser Roman Baer.

Souveräner Vorleser

Und noch einen Satz zum Vorleser Elias Mattay: diese Stimme – ruhig, einfühlsam, lebendig betonend, mimetisch, verschiedene Töne imitierend, dialektale und fremdsprachliche Besonderheiten souverän umsetzend. Ein Genuss, dem Autor gut über eine Stunde zuzuhören, bis das Licht wieder angeht und die Putten an der Decke mit dem Autor um die Wette strahlen.

“Der Bienenmann” ist nicht nur ein hochspannender Regionalkrimi – einige Szenen spielen übrigens in Madrid –, das Buch ist ein höchst lesenwertes Stück Literatur. Mein Aufruf, nicht nur an Berliner: Lesen!

Elias Mattay: Der Bienenmann. Kriminalroman
Berlin Verlag Taschenbuch
€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erschienen am 12.01.2017
480 Seiten, Broschur
ISBN: 978-3-8333-1084-3

Der Seher. Houellebecq weiß alles

Und das schockiert. In seinem Roman “Unterwerfung” (2015) findet sich die Blaupause unserer Zukunft. Das kommt für mich derart suggestiv rüber: No way out. Wie 200 Jahre Aufklärung in einem finale rabioso ersaufen: Houellebecq demonstriert es im wohl letzten Klassiker der untergegangenen zivilisierten Welt.
Welche Ideale haben wir noch? Welche Verantwortung besitzt der Intellektuelle? Wie relativ ist alles, woran wir je geglaubt haben? Welchen Stellenwert beansprucht die Würde des Menschen? Wie viel Zynismus schlucken wir einfach?

Houellebecq gibt die Antwort. Wenn einmal die Menschen ihren egoistischen Nutzen aus menschenrechtsverachtenden Systemen gezogen haben: Kein Halten mehr!  Und das macht betroffen.

Victoria

Victoria – Siegerin unter Verlierern

Ein Film ist immer eine komplexe Angelegenheit. Dementsprechend viele Möglichkeiten gibt es, seinem Sinn und den vielfältigen Deutungsangeboten nachzuspüren. Ob man Machart, Style, Story, Musik betrachtet oder die Leistung von Schauspielern und Regisseur würdigt: “Victoria” ist Siegerin in allen Klassen. Doch woher rührt die Melancholie, die mich nach dem Kinobesuch umfangen hat? Ist es die Konstitution der Figuren oder die aktuellen kulturellen und wirtschaftlichen Bezüge, die für das beklemmende Gefühl sorgen? Oder ist es die sensible Musik von Nils Frahm?

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Bei “Victoria” (2015, Regie: Sebastian Schipper) kann man jeden Weg einschlagen, man wird immer zum Ergebnis kommen: perfekt! Die One-Take-Idee setzt Schipper derart grandios umgesetzt, dass der Film an Dichte nicht zu toppen ist. Die Schauspieler improvisieren mit sprudelnder Kreativität vor sich hin, faszinierend Laia Costa, die ihre Victoria durchlebt, Glück und Unglück in einer wahren Achterbahnfahrt fühlbar macht und den Zuschauer einfach völlig in ihren Bann zieht.

Der zweite schauspielerische Glücksgriff ist Frederick Lau, der seine(n) im Deutschen einfach nicht geschlechtskonforme(n) “Sonne” mit einer sympathischen Schnoddrigkeit spielt, die einen völlig für sich einnimmt. Eine ähnliche Rolle gab es für Lau schon einmal in “Oh Boy” (2012), in der er als wesentlich unbehauenerer “Ronny” herumpöbelte und deutlich gewaltbereiter auftrat.

Glück und Unglück: eher Glück im Unglück. Denn das stellt der Film, mal ganz abgesehen von seiner handwerklichen, inhaltlichen,  musikalischen Perfektion, auch sehr intensiv dar: die neue “Lost Generation” des 21. Jahrhunderts.

Lost Generation des 21. Jahrhunderts
Victoria scheint die repräsentative Vertreterin dieser Generation zu sein: Als Spanierin kommt sie aus einem Land, das mit über 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit nach Griechenland die europaweit zweithöchste Position behauptet. Ohne vorschnell ein Muster einrasten zu lassen: Bei Victoria spielt ein weiterer, persönlicher Grund eine Rolle. Jahrelang hat sie einen Weg verfolgt, der sie letztlich nicht zum Ziel führte, den der klassischen Musik. Ob sie auf eigene Initiative oder von den Eltern auf dem Konservatorium einem vernichtenden Wettbewerb ausgesetzt wurde, erfährt man nicht. Lediglich die Trauer um die verlorenen Jahre merkt man ihr an. Victoria und ihr zielloses Dasein ist nicht weniger “echt” als die Berliner Jungstruppe.

Eindrucksvoll demonstriert sie ihre Virtuosität in einem Exklusivkonzert für ihren Bewunderer Sonne, den Sprecher der Berliner Kleinganoven. Liszts Mephisto-Walzer beweist Victorias hohes Können, es scheint etwas Romantisches auf in dieser unromantischen Umgebung, einer modernen Ausbeuterhölle, wie man erfährt und gleichzeitig hofft, dass das nicht für das echte Café an der Ecke Hedemann-/Friedrichstraße gilt. Victoria jobbt dort für vier Euro die Stunde. Durch das Liszt-Stück erhält also sogar der Teufel einen kurzen Schauerauftritt. Die Szene wirft ein schauriges Darklight auf den weiteren Fortgang der Handlung.

Schritt auf Schritt folgt man der zusammengeworfenen Truppe in die Berliner Nacht. Victoria verstrickt sich mit jeder Entscheidung, die Jungs weiter zu begleiten, mehr und mehr in den kriminellen Kontext. Die Weichen stellt sie selbst, ob dies nun realistisch ist oder nicht. Was Laia Costa in einem aspekte-Interview als unausweichlich darstellt, gilt für die Jungs der Gang im Sinne ihrer schicksalhaften Verbindung: “They can not really escape from it.” Victoria hat dagegen die Möglichkeit auszusteigen. Doch sie macht weiter. Nochmal Costa über Victoria: “She’s trying to find something she wants to fight for and she wants friends.” Am Ende ist sie Komplizin, fährt das Fluchtfahrzeug, geht mit auf einen haarsträubenden Fluchttrip und bleibt als einzige mal abgesehen von “Fuß” am Leben, den sein Geburtstagsrausch vor dem Irrsinn bewahrt hat.

Schöne neue Welt, gestrandet
Ich sah den Film in einem kleinen Kino in der Nürnberger Altstadt. Als ich das Kino verließ, war gerade ungefähr der Zeit, in der Viktoria in die Disco aufgebrochen sein mag. Ein warmer Sommerabend in mittelalterlichem Umfeld, Fachwerk, Gotik, Schöner Brunnen, Kaiserburg. Vielleicht war dies der Auslöser für das melancholische Gefühl, mit dem ich durch die Bilderbuchkulisse in Richtung einer Kneipe zog, in der ich noch verabredet war. In meinem Kopf war ich aber in Berlin, in der Charlotten- und der Besselstraße, irgendwo zwischen Kreuzberg und Mitte an den Schauplätzen von “Viktoria”, sehr präsent noch die einfühlsame, das Geschehen häufig aus der Meta-Ebene kommentierende Musik von Nils Frahm.

Noch mehr als über die Perfektion des “Victoria”-Films dachte ich über die Motivation und den Hintergrund der Handlung und der Handelnden nach. Auf welche Welt treffen eigentlich heutige Jugendliche? Ist es wirklich nur das “bad things happen” (Costa) oder ist es nicht auch die wüste Kahlschlag-Welle der “Bologna-Prozesse”, der “Dualen Studiengänge”, der steigend optimierten Verwertbarkeit jugendlicher Bilderbuch-Lebensläufe, die diese Menschen längst unter sich begraben, mehrfach herumgewirbelt und, bevor sie sie nun erschlägt, an den Rand des gesellschaftlichen Mainstreams gespült hat? Als Gestrandete unseres Zeitgeistes und damit zu jenem Typus gehörig, den auch Niko in dem bereits erwähnten “Oh Boy” verkörpert? Hier geht es jenseits aller formalen Brillianz um die Boat People unserer schönen neuen Welt. Und das macht einen traurig. Ein toller Film.

Das Ungeheuer in der Straße

 

Verstehe das, wer mag

Am Ende der Straße tauchen Lichter auf. Die Straße ist dunkel, ihren Verlauf markieren die beleuchteten Hauseingänge. Bogenlampen geben nur vereinzelt Licht ab, viele sind kaputt, und es wird dauern, bis sie wieder funktionieren werden.

Doch über den Köpfen, hocherhobenen Hauptes, biegt sich das riesige Monster über die anderen Fahrzeuge. Auf gleicher Höhe mit den Wipfeln der Alleebäume nähert es sich. Die leuchtenden Augen sehen mich an, ich fixiere sie und hole das Ungeheuer so an den Straßenrand. Es öffnet seine Schleusen und gibt unzählige Schüler frei. Ich behaupte mich im Gegenstrom. Kämpfe mich hinein. Klettere nach oben. Genieße den bevorzugten Platz in der ersten Reihe. Fixiere selbst die Fußgänger mit rot sprühenden Augen.

schöner sonntag

ein schöner sonntag, sagt die frau hinter mir, als wir spätnachmittags die rolltreppe in der u-bahn-station residenzstraße nach oben fahren.

wir hatten den schäfersee umrundet, die pankower allee durchlaufen, vorbei am alten straßenbahn-depot, das im vorbeigehen so vielversprechend idyllisch aussieht, aber dann doch nur die üblichen discounter beherbergt. die kühnemannstraße liegt verlassen da, bunte blätter bläst der weiche wind übers bucklige pflaster. die panke fließt uns entgegen: wir denken schon vom ziel her. unter der s-bahn und über die mauerschwelle nach pankow durchgemogelt. im garten der mirabelle dösen herbstversunkene vor ihrem latte.

der bürgerpark empfängt uns mit zur schau gestellter lässigkeit. familien genießen das spiel des sonntagnachmittags. hier ist der platz des kosmischen friedens. das sozialistische ambiente: ein morbides schauspiel.

schloss schönhausen. ein hingeworfenes renaissance-relikt aus einer nicht mehr vorstellbaren ferne, einem meer aus zeit. vielleicht aus der vergangenheit, doch viel eher aus der zukunft. das hat uns architektur noch zu sagen: lebe in deiner wahrnehmung.

ein schwarzer tschaika fährt langsam die tschaikowskiallee entlang. am steuer eine ernste frau mit schwarzem schleier, der von ihrer hutkrempe herabfällt. sie hält kurz vor dem schloss. natürlich wendet sie, dies aber nur, um nochmal denselben weg einzuschlagen. wir werden sie wieder und wieder sehen.