Victoria

Victoria – Siegerin unter Verlierern

Ein Film ist immer eine komplexe Angelegenheit. Dementsprechend viele Möglichkeiten gibt es, seinem Sinn und den vielfältigen Deutungsangeboten nachzuspüren. Ob man Machart, Style, Story, Musik betrachtet oder die Leistung von Schauspielern und Regisseur würdigt: “Victoria” ist Siegerin in allen Klassen. Doch woher rührt die Melancholie, die mich nach dem Kinobesuch umfangen hat? Ist es die Konstitution der Figuren oder die aktuellen kulturellen und wirtschaftlichen Bezüge, die für das beklemmende Gefühl sorgen? Oder ist es die sensible Musik von Nils Frahm?

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Bei “Victoria” (2015, Regie: Sebastian Schipper) kann man jeden Weg einschlagen, man wird immer zum Ergebnis kommen: perfekt! Die One-Take-Idee setzt Schipper derart grandios umgesetzt, dass der Film an Dichte nicht zu toppen ist. Die Schauspieler improvisieren mit sprudelnder Kreativität vor sich hin, faszinierend Laia Costa, die ihre Victoria durchlebt, Glück und Unglück in einer wahren Achterbahnfahrt fühlbar macht und den Zuschauer einfach völlig in ihren Bann zieht.

Der zweite schauspielerische Glücksgriff ist Frederick Lau, der seine(n) im Deutschen einfach nicht geschlechtskonforme(n) “Sonne” mit einer sympathischen Schnoddrigkeit spielt, die einen völlig für sich einnimmt. Eine ähnliche Rolle gab es für Lau schon einmal in “Oh Boy” (2012), in der er als wesentlich unbehauenerer “Ronny” herumpöbelte und deutlich gewaltbereiter auftrat.

Glück und Unglück: eher Glück im Unglück. Denn das stellt der Film, mal ganz abgesehen von seiner handwerklichen, inhaltlichen,  musikalischen Perfektion, auch sehr intensiv dar: die neue “Lost Generation” des 21. Jahrhunderts.

Lost Generation des 21. Jahrhunderts
Victoria scheint die repräsentative Vertreterin dieser Generation zu sein: Als Spanierin kommt sie aus einem Land, das mit über 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit nach Griechenland die europaweit zweithöchste Position behauptet. Ohne vorschnell ein Muster einrasten zu lassen: Bei Victoria spielt ein weiterer, persönlicher Grund eine Rolle. Jahrelang hat sie einen Weg verfolgt, der sie letztlich nicht zum Ziel führte, den der klassischen Musik. Ob sie auf eigene Initiative oder von den Eltern auf dem Konservatorium einem vernichtenden Wettbewerb ausgesetzt wurde, erfährt man nicht. Lediglich die Trauer um die verlorenen Jahre merkt man ihr an. Victoria und ihr zielloses Dasein ist nicht weniger “echt” als die Berliner Jungstruppe.

Eindrucksvoll demonstriert sie ihre Virtuosität in einem Exklusivkonzert für ihren Bewunderer Sonne, den Sprecher der Berliner Kleinganoven. Liszts Mephisto-Walzer beweist Victorias hohes Können, es scheint etwas Romantisches auf in dieser unromantischen Umgebung, einer modernen Ausbeuterhölle, wie man erfährt und gleichzeitig hofft, dass das nicht für das echte Café an der Ecke Hedemann-/Friedrichstraße gilt. Victoria jobbt dort für vier Euro die Stunde. Durch das Liszt-Stück erhält also sogar der Teufel einen kurzen Schauerauftritt. Die Szene wirft ein schauriges Darklight auf den weiteren Fortgang der Handlung.

Schritt auf Schritt folgt man der zusammengeworfenen Truppe in die Berliner Nacht. Victoria verstrickt sich mit jeder Entscheidung, die Jungs weiter zu begleiten, mehr und mehr in den kriminellen Kontext. Die Weichen stellt sie selbst, ob dies nun realistisch ist oder nicht. Was Laia Costa in einem aspekte-Interview als unausweichlich darstellt, gilt für die Jungs der Gang im Sinne ihrer schicksalhaften Verbindung: “They can not really escape from it.” Victoria hat dagegen die Möglichkeit auszusteigen. Doch sie macht weiter. Nochmal Costa über Victoria: “She’s trying to find something she wants to fight for and she wants friends.” Am Ende ist sie Komplizin, fährt das Fluchtfahrzeug, geht mit auf einen haarsträubenden Fluchttrip und bleibt als einzige mal abgesehen von “Fuß” am Leben, den sein Geburtstagsrausch vor dem Irrsinn bewahrt hat.

Schöne neue Welt, gestrandet
Ich sah den Film in einem kleinen Kino in der Nürnberger Altstadt. Als ich das Kino verließ, war gerade ungefähr der Zeit, in der Viktoria in die Disco aufgebrochen sein mag. Ein warmer Sommerabend in mittelalterlichem Umfeld, Fachwerk, Gotik, Schöner Brunnen, Kaiserburg. Vielleicht war dies der Auslöser für das melancholische Gefühl, mit dem ich durch die Bilderbuchkulisse in Richtung einer Kneipe zog, in der ich noch verabredet war. In meinem Kopf war ich aber in Berlin, in der Charlotten- und der Besselstraße, irgendwo zwischen Kreuzberg und Mitte an den Schauplätzen von “Viktoria”, sehr präsent noch die einfühlsame, das Geschehen häufig aus der Meta-Ebene kommentierende Musik von Nils Frahm.

Noch mehr als über die Perfektion des “Victoria”-Films dachte ich über die Motivation und den Hintergrund der Handlung und der Handelnden nach. Auf welche Welt treffen eigentlich heutige Jugendliche? Ist es wirklich nur das “bad things happen” (Costa) oder ist es nicht auch die wüste Kahlschlag-Welle der “Bologna-Prozesse”, der “Dualen Studiengänge”, der steigend optimierten Verwertbarkeit jugendlicher Bilderbuch-Lebensläufe, die diese Menschen längst unter sich begraben, mehrfach herumgewirbelt und, bevor sie sie nun erschlägt, an den Rand des gesellschaftlichen Mainstreams gespült hat? Als Gestrandete unseres Zeitgeistes und damit zu jenem Typus gehörig, den auch Niko in dem bereits erwähnten “Oh Boy” verkörpert? Hier geht es jenseits aller formalen Brillianz um die Boat People unserer schönen neuen Welt. Und das macht einen traurig. Ein toller Film.

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